"Bridge between two worlds (BBTW)"

Erasmus+ Programm mit der Referenz-Nr. 2021-2-RO01-KA210-ADU-000049514.

Dieses Projekt wird finanziell durch die Europäische Kommission gefördert.

Die beiden Partnerländer:

Rumänien

ANPEDA

 

Deutschland

GLVHH

 


"Bridge between two worlds" - "Brücke zwischen zwei Welten" - Was soll das bedeuten?

 

Hier geht es nicht um neue technische Errungenschaften im Hochbau, sondern vielmehr um eine von Menschen gemachte Verbindungsstelle zur Kommunikationssicherung zwischen gehörlosen und schwerhörigen Menschen, die die Gebärdensprache verwenden und hörende Menschen, die diese nicht verstehen - die Kommunikationsmittler*innen.

 

Der Gehörlosenverband Hamburg ist Teil eines neuen EU-Projekts/ Erasmus+ - Programms mit dem englischen Titel “Bridge between two worlds (BBTW)”, wieder einmal in Kooperation mit dem rumänischen Koordinator und Organisator aus Iasi/Rumänien; ANPEDA (Asociatia Nationala a Profesorilor pentru Elevi cu Deficiente de Auz Vigil Florea = Vereinigung von Lehrer*innen, die sich für verbesserte Bildungsbedingungen gehörloser Kinder in Rumänien einsetzt).

 

Es ist inzwischen das 4. internationale Projekt des Gehörlosenverbands, dieses Mal mit dem Ziel, die Kommunikation zwischen Gehörlosen und Hörenden zu verbessern. Kommunikationsmittler*innen wie Codas, Familienmitglieder und Freunde Gehörloser, sollen praktische Tipps und Hintergrundinformationen rund um das Thema Kommunikationsmittlung und Anstöße zu ethisch/moralischen Fragestellungen erhalten.  

 

1. Arbeitstreffen in Iasi/Rumänien im Juni 2022. Die Zeit war knapp, daher waren die Arbeitstage lang und intensiv, aber auch erfolgreich.

 

Die größte Schwierigkeit, gehörlose Menschen in die Mehrheitsgesellschaft der Hörenden zu integrieren, liegt in der Kommunikation begründet; an verschiedenen Muttersprachen (Gebärdensprache und Lautsprache) innerhalb einer Gesellschaft, an einer visuell-gestischen Sprache, die nur von einer kleinen Minderheit “behinderter” Tauber verwendet und daher auch nur von sehr wenigen Hörenden verstanden wird. Dieser Umstand und andere Aspekte, die in Zusammenhang mit einer Gehörlosigkeit innerhalb einer hörenden Gesellschaft stehen, führen bei gehörlosen Menschen nicht nur zu einem ständigen Mangel an Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten, sondern ebenso zu enormen Defiziten an sozialer Teilhabe in unserer Gesellschaft bis hin zu Diskriminierungen. All dies, weil vollständige und zufriedenstellende Übersetzungen und Verdolmetschungen durch qualifizierte Dolmetscher*innen oder andere Dienstleister*innen für alle relevanten privaten und sozialen Bereiche meist fehlen.

 

Diese Kommunikationsdefizite zeigen sich im täglichen Leben, am Arbeitsplatz, in öffentlichen Einrichtungen, im medizinischen und juristischen Bereich, im Fernsehen, in Schulen und bei den meisten öffentlichen und gesellschaftlichen Aktivitäten - letztlich in allen Bereichen, in denen man kommunizieren muss oder will.

 

Dieses Projekt wurde ins Leben gerufen, da gehörlose Menschen häufig mit einem Mangel an qualifizierten Dolmetscher*innen, die eine professionelle Kommunikation zwischen Tauben und Hörenden gewährleisten könnten, zu kämpfen haben oder sich diese aufgrund der hohen Honorare nicht leisten können. Ziel ist, bestehende Kommunikationsbarrieren zu reduzieren, indem “Werkzeuge”, die speziell auf die heterogene Gruppe von nicht-professionellen erwachsenen “Dolmetscher*innen”/Kommunikationshelfer*innen zugeschnitten sind, bereit gestellt werden. Denn gerade diese Gruppe wird häufig von der Gehörlosengemeinschaft für Dolmetschertätigkeiten herangezogen. Daher richtet sich dieses Projekt im Allgemeinen nicht an ausgebildete und zertifizierte Dolmetscher*innen.

Mit diesem Projekt möchte der Gehörlosenverband einen Beitrag zu einer inklusiveren Gesellschaft im Sinne der Gehörlosengemeinschaft leisten und alle am Dolmetschsetting Beteiligte für das Thema Kommunikationsmittlung sensibilisieren.

 


Pilotkurs im November 2022 in Hamburg, Gruppenfoto: rumänische Teilnehmer*innen und Projektleiter*innen vom GLVHH - Schnappschuss  auf dem Weg zum Dialoghaus "Dialog im Stillen".

 

Kommunikationsbarrieren reduzieren - wie soll das gehen?

 

Die Laufzeit des Projekts war kurz. Binnen eines Jahres sollten Materialien erstellt werden, die speziell auf diese heterogene Gruppe (mit und ohne Zertifikat) zugeschnitten sind und sie in ihrer Rolle als Kommunikationsmittler*innen unterstützen und stärken.

 

Recherchen, Umfragen (bei Gehörlosen/Schwerhörigen und Hörenden), Auswertungen und eine intensive Erarbeitung von diversen Themen im Team (Projektteam aus Rumänien und Hamburg) ergaben einen Entwurf für ein Curriculum (Lehrplan) und einen Leitfaden. Beides sollte in der Praxis erprobt werden - in einer 5-tägigen Projektwoche (Pilotkurs), die Ende November 2022 in Hamburg im Gehörlosenverband stattfand.

 

Zu betonen ist, dass es in diesem Projekt nicht um die Vermittlung von Gebärdensprachkompetenzen geht, diese werden vorausgesetzt oder müssen anderweitig erworben werden, sondern vielmehr um die Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit ethisch-moralischen Aspekten und Fragestellungen, die sich auf die Bedeutung der Rolle als Kommunikationsmittler*in beziehen, auf Schwierigkeiten und Herausforderungen während eines Dolmetsch-Settings und Möglichkeiten, als ally/Verbündete*r der Gehörlosengemeinschaft tätig zu sein.

 

Um das entwickelte Trainingsprogramm auch in der Praxis testen zu können, reisten Ende November 2022 sieben Teilnehmer*innen aus Rumänien an. Denn nicht nur in Rumänien, sondern auch in anderen Ländern gibt es nach wie vor keine oder kaum qualifizierte Ausbildungsmöglichkeiten für Dolmetscher*innen und Kommunikationshelfer*innen.

 

Ende November war es im Clubheim schon weihnachtlich geschmückt. Das trug auch zu einer angenehmen Arbeitsatmosphäre bei. Im Vordergrund unsere rumänischen Gäste.

 

Die 5-tägige Projektwoche war voll gespickt mit verschiedensten Vorträgen zu Themen wie: Gedächtnisleistung während des Dolmetschprozesses, Organisationsstrukturen von Dolmetscherverbänden (Hamburg, Deutschland, Europa und weltweit), Verbandsstrukturen Gehörloser (Hamburg, Deutschland, Europa und weltweit), Dolmetschservice, Rolle von Dolmetschenden, Dolmetschstrategien und vieles mehr.

 

Aufgelockert wurde die Theorie durch praktische Übungen wie Gedächtnistraining und Gruppenarbeit zu Themen wie Professionalität, Gleichbehandlung und Verschwiegenheit anhand von Berufs- und Ehrenordnungen aus fünf verschiedenen Ländern. Auch Übungseinheiten zur non-verbalen Kommunikation fehlten nicht, sodass Theorie und Praxis im steten Wechsel waren.

 

 

Konzentration gefragt!

Gedächtnistraining: Auch wenn mit kurzen Texten auf Rumänisch angefangen wurde - kein leichtes Unterfangen für Ungeübte.

Gedächtnistraining: 

Gesprochenes wahrnehmen, speichern und wiedergeben. Danach Vergleich des Ausgangstextes mit dem, was selbst wiedergegeben wurde - es gab einige Überraschungen...

Wenn Arbeit Spaß macht, ist sie besonders effektiv :)

Alle Beteiligten trugen zu einer entspannten und bereichernden Arbeitsatmosphäre bei.

Kommunikation ist nicht immer einfach! Eine Übung zur Teamarbeit, die mit einigen Missverständnissen anfing und dann erfolgreich absolviert wurde.

Teamspiel und Auflockerung zugleich. Eine Murmel sollte von einem Ende zum nächsten durch die einzelnen Holzleisten der Teilnehmer*innen laufen - natürlich ohne herunterzufallen… 

Eine Übungseinheit “non-verbale Kommunikation” brachte viel Heiterkeit in das Seminar und war eine willkommene Abwechslung zur Theorie.

Erfolgreicher Abschluss nach einem intensiven und bereichernden Seminar für alle Beteiligten.

 

Hamburg ist nach wie vor ein sehr guter Standort für die Thematik der Deutschen Gebärdensprache und Kultur Gehörloser, ob in Wissenschaft, Bildung oder in Form eines Museums. Diese Vielfalt ist auch in Deutschland nicht überall zu finden.

 

So fehlte während der Seminarwoche auch nicht der Besuch des Dialoghauses “Dialog im Stillen”, eine Möglichkeit den Teilnehmenden aufzuzeigen, wie die Gebärdensprache und Kultur Gehörloser in die breite Öffentlichkeit getragen werden kann. 

 

Sehr erfreut und dankbar waren wir auch, dass sich das IDGS (Institut der Deutschen Gebärdensprache und Kultur Gehörloser) Zeit nahm, unsere rumänischen Gäste durch das Uni-Gebäude zu führen, verschiedene Projekte wie das DGS-Korpus und technische Errungenschaften (z.B. Experimentelles Gebärdensprach-Labor) erläuterte und uns sogar Einblicke in Dolmetschseminare gewährte, in denen die ersten Schritte des Simultandolmetschens gelehrt und geübt wurden. In aller Geduld und Ausführlichkeit wurden im Anschluss zahlreiche Fragen der Gäste beantwortet, sodass sie, bereichert mit vielen Eindrücken und Informationen die Uni Hamburg verließen.

 

Da die meisten Teilnehmer*innen an Schulen für Gehörlose unterrichten, waren sie sehr begeistert, dass sich die Elbschule (Bildungszentrum Hören und Kommunikation) ebenfalls zu einer Führung bereit erklärte. Unsere Gäste waren in höchstem Maße erstaunt über die hervorragende Ausstattung der Schule bezüglich der Lehr- und Lernmittel sowie der Architektur des Gebäudes, abgestimmt auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der hörbehinderten Schüler*innen. Und, was selbst für Deutschland einmalig ist: der außerordentliche Einsatz von Gebärdensprachangeboten, Medieneinsatz und Visualisierung ermöglichen die Unterrichtung von gehörlosen, schwerhörigen und hörenden Schüler*innen gleichermaßen.

 

 


Fachtag Kommunikationsassistenz - Abschlussveranstaltung am 1. April 2023

 

Mit dieser Veranstaltung wurde das Projektende eingeleitet und alle Interessierten zum Fachtag "Kommunikationsassistenz" in den Gehörlosenverband eingeladen, um die Projektarbeit und die entsprechenden Ergebnisse zu präsentieren und Fragen zu beantworten. Passend zum Thema wurde auch Andreas Costrau aus Berlin eingeladen und brachte sich mit einer Präsentation und anschließender Diskussion ebenfalls in diese Thematik ein.

 

Ein paar Eindrücke sind in der nachfolgenden Bildergalerie zu sehen:


Curriculum/Lehrplan

 

Zur Durchführung von Trainingsprogrammen/Schulungen für Kommunikationsmittler*innen wurde ein Curriculum entwickelt, das sich über 5 Tage mit insgesamt 40 Unterrichtsstunden erstreckt. Es enthält Angebote für Theorie- und Praxiseinheiten zur Kompetenzerweiterung und Themen, die sich aus den Umfragen bei Gehörlosen/Schwerhörigen und Hörenden ergeben haben. Der Lehrplan umfasst ethische und moralische Grundlagen, die sich auch aus der Berufs- und Ehrenordnung für Dolmetscher*innen ergeben haben und ebenfalls die Struktur und Thematik mit insgesamt 4 Modulen (Ehrenkodex, Ethik, Kompetenzen und Bewährte Praxis) und 6 Kategorien (Verschwiegenheit, Professionalität, Allparteilichkeit, Gleichbehandlung & Respekt gegenüber der Gehörlosengemeinschaft, Kompetenzen & Qualifikationen) vorgeben. Vervollständigt wird dieser Lehrplan durch wissenschaftliche Modelle zur Information und Reflexion.

 

Dieser Lehrplan kann also für die bereits erwähnte Zielgruppe als Impulsgeber und Basis für die Organisation und Durchführung von Trainingsprogrammen oder Schulungen verwendet werden. Die einleitenden Kapitel enthalten Ergebnisse einer Kontextanalyse und bieten eine Anleitung zur Sensibilisierung für die Rolle als Botschafter*in/Kommunikationsmittler*in zwischen tauben und hörenden Menschen und zur Verbesserung der eigenen Kompetenzen.

 

Das Curriculum wurde auf Englisch, Rumänisch und Deutsch erstellt.

 

 

Das Curriculum wurde in Form eines E-Books erstellt und kann kostenfrei von allen Interessierten online gelesen werden. 

 

Hier der Link:

https://heyzine.com/flip-book/f29aa97f78.html#page/1


Leitfaden

 

Dieser Leitfaden ist ebenfalls Teil dieses Projekts, der zur Verbesserung der Kommunikation zwischen tauben und hörenden Menschen durch Kommunikationsmittler*innen beiträgt, die an der Verdolmetschung von gesprochenen, geschriebenen und gebärdeten Inhalten zwischen Tauben und Hörenden beteiligt sind.

 

Mitglieder der Gehörlosengemeinschaft und diejenigen, die sich ihnen verbunden fühlen, wissen nur allzu gut, dass sich die meisten Gehörlosen/Schwerhörigen nicht für jeden Bedarf anerkannte Gebärdensprachdolmetscher*innen leisten können. Daher kommt es in unterschiedlichsten Situationen relativ häufig vor, dass Familienmitglieder, Freunde, Lehrer*innen, Sozialarbeiter*innen usw. die Rolle einer “Gebärdensprachdolmetscherin”/eines “Gebärdensprachdolmetschers” übernehmen. Und genau für diese Menschen, die eine Brücke zwischen der “Welt” der Gehörlosen und der “Welt” der Hörenden schlagen, wurde dieser Leitfaden entwickelt. 

 

Obwohl diese Personengruppe über keine bestimmte Zertifizierung verfügt, bedeutet dies nicht, dass sie für die Mitglieder der Gehörlosengemeinschaft kaum von Relevanz ist und entbindet sie daher auch nicht von der Pflicht, Grundsätze der Ehre und Berufsethik bei Dolmetscheinsätzen zu respektieren.

Dieser Leitfaden umfasst fünf Kapitel: die Berufs- und Ehrenordnung für Gebärdensprachdolmetscher*innen, Themen zur Ethik, den Umgang mit Gehörlosen und Hörenden während eines Dolmetsch-Settings, die Rolle von Gebärdensprachdolmetscher*innen und Taube Dolmetscher*innen. Er kann ebenfalls als Grundlage für Schulungsmaßnahmen zur Sensibilisierung und Verbesserung der Fähigkeiten für diejenigen verwendet werden, die als Botschafter*innen zwischen Gehörlosen und Hörenden agieren und/oder für die persönliche und berufliche Entwicklung mittels Selbststudium.

 

Dieser Leitfaden wurde ebenfalls auf Englisch, Rumänisch und Deutsch erstellt.

 

Der Leitfaden wurde in Form eines E-Books erstellt und kann kostenfrei von allen Interessierten online gelesen werden. 

 

Hier der Link:

https://heyzine.com/flip-book/90fa0aad49.html


Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern viel Spaß bei der Lektüre und hoffen, dass für jeden von Ihnen darin interessante Aspekte und Informationen zu finden sind.

 

Das GLVHH Projekt-Team